Bundeskunstprojekt 2022

09.06.2022

Kempten (mori). Der Rollstuhlfahrer, eine Schaufensterpuppe in einem echten Rollstuhl mit Gipsbandagen umwickelt und gestaltet, im Eingang der Förderstätte am Eggener Berg ist ein Kunstprojekt, das anno 2003 im Rahmen des Bundeskunstpreises entstanden ist. Jetzt beteiligen sich wiederum zwei Beschäftigte mit Behinderung aus den Allgäuer Werkstätten an dem bundesweiten Wettbewerb – Marianne Tschugg (Werkstatt Steufzgen) mit ihrem Bild „Allgäuer Perlenberge“ und Johanna Schmelzer (Förderstätte) mit ihrem Bild „von Oben“. Beide Werke sind während der arbeitsbegleitenden Maßnahmen entstanden. Jetzt müssen sich die beiden Künstlerinnen von ihren Werken verabschieden, denn sie kommen nach Radolfzell, wo eine Jury die ganzen eingereichten Objekte bewerten wird.

Die Stadt Radolfzell lädt seit 1978 im zweijährigen Rhythmus bundesweit Künstlerinnen und Künstler mit geistiger, körperlicher oder psychischer Behinderung dazu ein, eines ihrer künstlerischen Werke einzureichen. In den vergangenen 44 Jahren wurden so nahezu 7000 Werke öffentlich gewürdigt. 2020 beispielsweise wurde 100 Bilder für die Ausstellung ausgewählt, 15 davon wurden sogar prämiiert.

Beide Künstlerinnen freuen sich schon sehr auf die Vernissage am 18. September in der Villa Bosch in Radolfzell, denn für Werkstattleiter Robert Walter ist ganz klar: „Da fahren wir hin und drücken für die Preisverleihung die Daumen.“

Bei der aktuellen Ausschreibung für den Bundeskunstpreis kam Gruppenleiterin Franziska Kling gleich ihre Mitarbeiterin Marianne Tschugg in den Sinn. „Jede freie Minute nutzt sie, um Perlen zu einer Kette aufzufädeln.“ Je nach Stimmung wählt die 38-Jährige die Farben aus. „Inzwischen hat Marianne nahezu 400 Ketten gewerkelt und gemeinsam haben wir überlegt, wie wir diese in einem Bild integrieren können“, erzählt Franziska Kling. Auf Holz wurden die Perlen für das Landschaftsmotiv „Allgäuer Perlenberge“ zusammengeklebt. „Sieben Tuben Kleber haben wir gebraucht“, erzählt Marianne Tschugg während feinmotorisch beim Auffädeln bereits am nächsten Perlenprojekt arbeitet. Übrigens trägt sie auch gern die Perlenbänder als Ketten oder Armbänder. In der Werkstatt Steufzgen arbeitet sie an der Industriespülmaschine, muss viel stehen und freut sich in ihren Pausen immer auf ihren ruhigen sitzenden Arbeitsplatz mit den Perlen – und hin und wieder beim Puzzeln. Im Wohnheim hingegen beschäftigt sie sich dagegen mit Luftmaschen-Häkeln und geht gern spazieren.

Auch Johanna Schmelzer aus der Förderstätte hat ihr ausgewähltes Werk sehr feinmotorisch angefertigt – mit unzähligen feinen kleinen Strichen und Punkten mit verschiedenen Buntstiftfarben, bis es zum Gesamtbild fertig war. „Von oben“ betrachtet sieht man unterschiedlichste Parzellen. Das Bild lässt viel Raum für die eigene Phantasie. Gruppenleiterin Domenika Pastor hatte die Idee, das Bild von Johanna Schmelzer mit für den Wettbewerb auszuwählen. „Je nach Stimmungslage sucht auch sie ihre Farben aus“, wissen die Betreuer. Der aufwendige, filigrane Stil passt zu der ruhigen Art von Johanna Schmelzer. „Sie nimmt sich Zeit, arbeitet sehr intensiv und leidenschaftlich daran.“

Auf den ersten Blick hat der Betrachter das Gefühl, es handelt sich bei dem Werkzeug um Wachsmalkreide, in der Tat sind es aber schlichtweg Buntstifte! Aktuell hat sie ihren Malstil ein wenig verändert, die Striche sind länger geworden, aber immer noch sehr fein.

Jetzt heißt es Daumen drücken, dass „unsere“ Künstlerinnen unter den Preisträgerinnen 2022 sind.

*https://kulturbuero-radolfzell.de/bundeskunstpreis/

 

Johanna Schmelzer mit ihrem Kunstwerk „von Oben“

 

Marianne Tschugg zeigt hier stolz ihre „Allgäuer Perlenberge“

 

Foto: moriprint

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