Vom Bundesfreiwilligendienst zur Heilerziehungspflegerin

09.06.2022

Katja Reichart beim Memory-Spielen mit Johanna Eß.

Foto: moriprint

 

Kempten/Martinszell (mori). Für die 18jährige Katja Reichart (Martinszell) gehört es in der Förderstätte der Allgäuer Werkstätten zum ganz normalen Arbeitsalltag, Verantwortung zu übernehmen: egal ob bei der Unterstützung beim Laufen, beim Vorbereiten der Flaschen für die Magensonden, beim Beschäftigen der Menschen mit Behinderung oder der Begleitung bei Toilettengängen. Auch muss Katja Reichart mit plötzlichen Anforderungen rechnen, wie beispielsweise bei einem epileptischen Anfall. „Für mich ist der Beruf der Heilerziehungspflegerin ein Traum. Jeder Tag gestaltet sich anders, die gute Atmosphäre im Team sowie die Herzlichkeit und Dankbarkeit der Menschen mit Behinderung sind besonders! Es macht einfach Spaß, jeden Tag zur Arbeit zu gehen.“

Schon als 16jährige wusste die junge, lebenslustige Frau, dass die soziale Arbeit ihr liegt. Nach Abschluss der Schule in Maria Stern in Immenstadt meldete sie sich zwar zunächst bei der Fachoberschule an, da sie noch unentschlossen war. Doch merkte sie bald, dass Schule „nicht mehr so mein Ding war“.

Die Allgäuer Werkstätten kannte sie zu dem Zeitpunkt bereits, denn über ihre Schule in Immenstadt hatte sie unter anderem ein soziales Praktikum in der Einrichtung Steufzgen gemacht. Hier wurde sie Ende 2020 als Bundesfreiwilligen-dienstlerin genommen. „Ich war damals der einzige Bufdi, wurde aber sehr gut im Team integriert und auch schnell eingelernt“, erinnert sie sich. „Ich war sozusagen Mädchen für alles, hab viel gelernt.“ Natürlich gab es Bereiche, die Tabu waren, beispielsweise die Medikamen-tenausgabe. „Das machen die Heilerziehungspfleger*innen.“

„Klar war ich am Anfang etwas verunsichert, weil ich bis dahin gar keine Kontakte zu/ mit Menschen mit Behinderung hatte“, gibt sie zu. Hilfreich waren auch die Seminare im Bundesfreiwilligendienst in Geretsried. „Einmal sind wir nach München gefahren und waren dort als Bufdi abwechselnd im Rollstuhl unterwegs. Die Reaktionen der Menschen waren schon sehr eindeutig.“ Als Person hinter dem Rollstuhl werde man oft gar nicht wahrgenommen und die Wahrnehmung des Rollstuhl fahrenden Menschen stimme auch nicht unbedingt.

Die Zeit als Bufdi gefiel ihr so gut, dass sie noch drei Monate Ferienarbeit in Steufzgen „dranhängte“. „Und dann wurde eine Stelle als Hilfskraft in der Förderstätte am Eggener Berg frei“, erzählt sie mit leuchtenden Augen. Auch hier wurde sie gut im Team aufgenommen.

Inzwischen ist sie in der Gruppe 3 angekommen. Hier gibt es Menschen im Rollstuhl mit Schwerstbehinderungen, Fuß-gänger mit Handicaps oder auch Autisten. Hier in der Förderstätte verflog die Unsicherheit ebenso schnell, wurde sie doch von den zu betreuenden Menschen mit Behinderung sehr schnell akzeptiert. „Ich wusste bis zu diesem Zeitpunkt gar nicht, dass es auch zwischen Autisten solche Unterschiede geben kann.“ Die Arbeit ist sehr abwechslungsreich und es gibt immer wieder „Highlights“ – wie beispielsweise den Besuch im Streichelzoo am Bodensee. „Da waren alle sehr begeistert“, erinnert sich Katja Reichart. Für sie und ihre beiden Kollegen, eine Sozialpflegerin und einen Altenpfleger, bedeutete dieser Ausflug aber nicht „Freizeit“, sondern vor allem Verantwortung für die ihnen anvertrauten Menschen mit Behinderung.

„Heilerziehungspflegerin ist ein so schöner Beruf“, erzählt die 18jährige, auch wenn sie noch einen „Weg“ vor sich hat, denn es folgt noch ein zweites Jahr berufliche Vorbildung und dann die dreijährige Ausbildung zum „HEP“. „Das ist das, was ich machen möchte.“ Von ihrer Familie und ihrem Freundeskreis wird sie dafür bewundert.

Privat ist Katja Reichart übrigens eine Leseratte. Außerdem macht sie gerne Reisen, auch schon mal nur übers Wochenende. So startete sie dann wieder entspannt in den Alltag in der Förderstätte.

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